Dienstag, 7. April 2015

Was ist denn so schlecht an weltanschaulicher Neutralität des Staates?


Über Ostern glänzte der WELT-Kolumnist Matthias Matussek mal wieder mit dem Beitrag "Was ist denn so schlecht an christlichen Werten?" Darin zieht er so sehr über Atheisten her, dass man ihm einfach einen Spiegel vorhalten muss. Man muss nur wenige Worte in seinem Text ersetzen, um ihn auf den richtigen Kurs zu bringen. Um den Witz der folgenden Zeilen zu erkennen, muss man sich also (leider) erst durch den (kurzen) Artikel von Matussek quälen.

Der Staat muss sich laut Grundgesetz weltanschaulich neutral verhalten. Das Tanzen verbietet er an Karfreitag trotzdem – aus Tradition. Das ist bedenklich. Denn eine Gesellschaft, die es nicht erträgt, dass Nicht- und Andersgläubige feiern, wenn Christen trauern, und die Unglauben nicht ernst nehmen kann, ist krank.

Nun werden wir sie wieder erleben, die wütenden, engstirnigen, mittelalten Christen, die am Karfreitag in irgendwelchen Berliner oder Frankfurter Kirchen Jesus lobpreisen und an diesem "Tag der Stille" demonstrativ ihre Trauer rauslassen. Sie nennen es beten.
Was zunächst auffällt: Sie können gar nicht beten.
Meistens ist es eine Art Gejammer zu Weihrauch mit verzerrten Gesichtern. Was daran liegt, dass sie nicht beten wollen, sondern demonstrieren. Ihr Gebet ist kein Ausdruck von Freude und Lebenslust. Sie beten aus Prinzip. Um gegen Atheismus und den säkularen Staat zu protestieren. Und meistens sprechen sie bayerisch. Oder sie schwäbeln und tragen einen gekreuzigten Wanderprediger um den Hals, was wirklich grausam ist.
Eine Gesellschaft, die Unglauben nicht erträgt
Sie beten gegen den Laizismus, der die Staatskirche abgeschafft und die Kreuze in den Klassenzimmern abgeschafft hat. Den lassen sie sich nicht bieten, diesen Eingriff in die Gemeinschaftssphäre, den die CSU (jawoll, die Sache hat politisches Profilierungspotenzial) so formuliert: "Der individuelle Unglaube Einzelner führt hier dazu, dass Andersdenkende in ihrer persönlichen, wirtschaftlichen, individuellen und kollektiven Deutungshoheit eingeschränkt werden." Nun, was den "individuellen Unglauben Einzelner" angeht: So ganz individuell sind sie nicht, immerhin bekennen sich über 36 Prozent unserer Gesellschaft als ebenfalls das Gemeinwesen finanzierende Ungläubige, die am Karfreitag den Tod von Jesus am Kreuze für irrelevant halten.
Dem alten Katholiken Matussek dagegen, der die Vorlage für diesen Beitrag formuliert hat und sich durch den Laizismus nicht nur in seiner persönlichen, sondern auch individuellen (Worin unterscheiden sich diese eigentlich?) Freiheit eingeschränkt fühlt, möchte ich nicht mal bei Tag begegnen.

Wer so was schreibt, verkennt die Realität in monströsem Ausmaß: Ostern ist keine christliche Erfindung und geht auf ein Fruchtbarkeits(!)fest zurück und sollte daher gerade alles andere als still sein.
Nun ist eine Gesellschaft, die Unglaube und Tanzen nicht erträgt, sei es individuell oder kollektiv, im Kern krank. Ebenso eine Gesellschaft, die religiöse Grundierungen allen Menschen aufzwingen will.
Doch die CSU ist ja nicht die einzige glühende Verfechterin des Karfreitagstanzverbots. Spitzenvertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wie z.B. auch die angehende Frührentnerin Margot Käßman wehren sich dagegen, dass "der Staat im Namen einer Religionsgemeinschaft nicht mehr allen Menschen aufzwingen dürfen soll, wie sie sich an einem bestimmten Tag zu verhalten haben". Man muss sich das, in einem säkularen Land, auf der Zunge zergehen lassen: "Im Namen einer Religionsgemeinschaft" – statt im Namen des Volkes.

Bild: https://www.facebook.com/CSU/photos/a.311521140687.151819.81386795687/10153108696870688/?type=1&theater

Die Islamverbände lachen sich schief
Die CSU, also diese Maß-voll Biertrinkenden und Lederhosenträger, die man mit allem, nur nicht mit geistiger Bewegung, rationaler Argumentation gar, in Beziehung bringt, widersetzten sich sogar dem Bundesverfassungsgericht, um die Kreuze in den Schulen hängen lassen zu können. Doch auch die Bundesrichter werden sich den Anblick kreuzfreier Schulen wohl nicht mehr antun wollen und diese – wie jüngst das Kopftuch – wohl wieder erlauben.
Interessant ist jedoch, wie sehr unser säkulares Grundgesetz in einer "immer areligiöser und pluraler werdenden Gesellschaft" trotzdem zur Debatte steht. Unsere Islamverbände lachen sich schief, weil wir ihnen die gleichen Privilegien einräumen wie den christlichen Großkirchen. Und die weltweit aus islamischen Theokratien geflüchteten Menschen verstehen nur Bahnhof: Ausgerechnet ein moderner, "westlicher", säkularer Staat organisiert Islamunterricht an den Schulen und bezahlt die Ausbildung der Theologen auf eigene Kosten?
Früher hatten die Muslime es doch noch mit wehrhaften Christen zu tun, die das Kreuzzeichen machen, nun wickeln ausgerechnet die Kirchen die Muslime in unserem System der hinkenden Trennung von Staat und Kirche in Watte. Pardon: in Staatsknete.
In eine ignorante, verfassungswidrige Schein-Gleichbehandlung, die im Ernst keinen Respekt verdient.

Wir erinnern uns nicht mehr an den Wert der Aufklärung

Christentum war früher Pflicht, doch Religionsfreiheit wurde zu unserer neuen Tradition, und aufgeklärt ist nun unser Menschenbild ("Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"), humanistisch ist unsere Bildung, emanzipatorisch ist unsere gesamte Anthropologie inklusive der gleichen Rechte für Frauen, die erkämpft wurde (gerade auch gegen die Kirche), naturalistisch auch die Aufklärung seit Giordano Bruno – christlich war hingegen die Überzeugung, dass Ketzer, Ungläubige und Homosexuelle, an Kränen aufgehängt werden und Hexen verbrannt werden sollten – aber wir erinnern uns nicht mehr.

Wiedertäufer-Käfige an der Lambertikirche (Münster)
Foto: Florian Adler / http://commons.wikimedia.org/wiki/Lambertikirche_(Münster)

Wir erinnern uns nicht mehr an unseren Säkularismus – es gibt so viele religiöse Schreihälse. Zum Beispiel den Essener Bischof Overbeck mit all dem "Ohne Religion gibt es kein Menschsein."
Unsere Säkularismusvergessenheit hat jüngst das Bundesverfassungsgericht auf beängstigende Weise bestätigt, als es einem katholischen Krankenhaus erlaubte, einen Chefarzt wegen erneuter Heirat zu entlassen, mit der Begründung, dass christlichen „Loyalitätspflichten“ gegenüber individuellen Freiheitsrechten der Vorzug gebührt.
Aha?
Und wieso?
Bekennt sich nicht jedes Land zu den ihm eigenen Werten und Traditionen?
Sind wir bereits derart vertrottelt und verblödet, dass uns alles egal ist? Was ist so schlecht am weltanschaulich neutralen Staat, was so unangenehm an emanzipatorischen Freiheitsrechten, dass man sie Christentum und Islam unterordnen möchte?
Insofern ist auch das Tanzverbot am Karfreitag konsequent und wird sicher mit der nächsten Generation an Bundesrichtern ausgebaut. Danach: fromme Langweiligkeit.
Zuvor aber hätte ich den Vorschlag, dass all unsere tanzverbietenden Christen ihre Weihrauch- und Prozessionspartys bitte vorerst nicht an den klassischen „Feiertagen“ zum Wochenende ausrichten.

Maximilian Steinhaus 

Kommentare:

  1. Wenn heute christliche Politiker diese »christlichen Werte« beschwören, die unser gesamtes politisches Handeln maßgeblich zu bestimmen hätten, dann sind diese nach den Intentionen der Aufklärung zu beurteilen. Und da zeigt sich, dass sie einer kritischen Bewertung nicht standhalten oder sich auf ohnehin weltweit anerkannte Normen beziehen, denen eine spezifisch christliche Grundlegung nicht zuerkannt werden kann. Denn was wird unter den »christlichen Werten« verstanden? Es sind die Anerkennung Gottes als Schöpfer der Welt und des Menschen und zugleich als oberste Moralinstanz, die Zehn Gebote und die wesentlichen Aussagen der Bergpredigt wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Alle diese normstiftenden Prinzipien würden aus der Bibel folgen, deshalb habe dieses Buch als Grundlage allen täglichen, vor allem moralischen Handelns zu gelten. Unterziehen wir diese sogenannten christlichen Werte … einer zusammenfassenden Beurteilung.

    Erstens: Den christlichen Gottesglauben für alle verbindlich zu machen, ist in einer multiweltanschaulichen Gesellschaft anmaßend und undemokratisch. Dies ist konkret der Fall, wenn Verbote, wie z.B. zum Schwangerschaftsabbruch, zur Sterbehilfe oder zur Embryonenforschung, mit dem christlichen Menschenbild begründet, aber als Gesetze allgemein verbindlich gemacht werden, also auch für Anders- und Nichtgläubige gelten sollen. Zweitens: Die Zehn Gebote (vgl. 2. Buch Mose!) stammen aus archaischer Zeit. Das 1. Gebot verneint die Religionsfreiheit und droht mit Sippenhaft (»… nicht vor anderen Göttern niederwerfen«, »… verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation«), das 10. Gebot spricht wie selbstverständlich von Sklaven und stellt Frauen den Sklavinnen und Haustieren gleich, quasi als natürlichen Besitz des Mannes, von Gleichberechtigung der Geschlechter ist keine Rede. Die Gebote 5 bis 9 sind selbstverständliche Verhaltensnormen, die weltweit in jeder Gesellschaft Gültigkeit haben (weil evolutionär entstanden), also nicht als typisch christlich gelten können, sie finden sich im Grundsatz schon im Ägyptischen Totenbuch und im Codex Hammurabi. Drittens: Auch die Grundaussagen der Bergpredigt entsprechen in weiten Teilen einem weltweit gültigen Ethos. Die gern als spezifisch christlich bezeichnete Barmherzigkeit und Nächstenliebe findet sich durchaus auch in anderen Religionen und entspricht im Übrigen dem, was mit Solidarität bezeichnet wird, ein Prinzip gegenseitig praktizierter, evolutionär entwickelter Mitmenschlichkeit. Viertens: Die in vielen Teilen Gewalt (z.B. Landraub) und Inhumanität (z.B. Sklaverei) rechtfertigende sowie heutige moralische Standards negierende Bibel als Grundlage moralischen Verhaltens zu bezeichnen, zeugt von sträflicher Unkenntnis der Bibel oder ist schlicht unredlich.

    Es gilt vielmehr festzustellen: Die uns heute wichtigen Werte und Normen stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind Ergebnis moralisch-ethischer Weiterentwicklung. Es sind dies die Menschenrechte wie Meinungsfreiheit als geradezu grundlegendes Recht, das Recht auf Selbstbestimmung, Gleichheit und Gleichberechtigung, Religions- und Wissenschaftsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und vieles andere mehr. Nichts davon steht in der Bibel, sie steht einem demokratischen, die Menschenrechte verbürgenden Staat geradezu entgegen. Alle diese Rechte mussten dem Christentum bzw. einer politisch agierenden Kirche in verlustreichen Kämpfen abgetrotzt werden. Die Kriterien, nach denen selbst Christen heute die Steinigung von Ehebrecherinnen, das Töten von Homosexuellen oder das Kaufen und Halten von Sklaven ablehnen, obwohl diese Gebote bzw. Aufforderungen biblisch legitimiert sind, stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind ein Ergebnis der auf Vernunft gründenden Aufklärung.

    Dass unsere heutige politische und gesellschaftliche Kultur auf christlichen Werten beruhe, ist also, höflich ausgedrückt: eine Legende, deutlicher formuliert: eine bewusste Irreführung.

    (Auszug aus Lehnert, Warum ich kein Christ sein will, 6. Auflage, Tectum Verlag, 2015)

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  2. Lieber Uwe Lehnert,
    vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich (der Autor des Beitrags) sehe das selbstverständlich ganz genauso. Dass ich es nicht genauso herausgearbeitet habe wie Du, beruht auf folgender Überlegung: Die Argumente in der Sache liegen alle auf dem Tisch. Ich wollte nicht der Eintausendste sein, der versucht, Dein tolles Buch zusammenzufassen. Etwas Neues konnte hier nur über die Form entstehen. Da Matussek so sehr über die "zappelnden Atheisten" lästert, wollte ich ihm den Spiegel vorhalten, damit er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man solche verbrämenden Worte lesen muss.
    Ich hoffe, Dir hat meine Erwiderung trotzdem gefallen.

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  3. Lieber Maximilian Steinhaus,

    Deiner Erwiderung kann ich nur zustimmen. Bei einem Beitrag im Internet oder in einer Zeitung richtet man sich natürlich nicht nur an den Verfasser eines Textes, auf den man mit einem eigenen Beitrag oder Kommentar reagiert. Viele Interessenten lesen ja mit, auch solche, die nicht so in der Materie bewandert sind. Insofern steckt in jedem Beitrag oder Kommentar immer auch ein Stück Aufklärungsabsicht. Ich hoffe, dass Du das auch so siehst und mich insofern auch verstehst.

    Herzliche Grüße, Uwe Lehnert

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